La Vitesse du Voyage (Die Widersprüche)
3. Mai – 1. Juni 2003

Gewöhnlich gewährt die Ideengeschichte dem Diskurs, den sie analysiert, einen Kohärenzkredit. Widerfährt es ihr, eine Unregelmäßigkeit im Wortgebrauch, mehrere unvereinbare Propositionen, ein Spiel von Bedeutungen, die nicht zueinander passen, und Begriffe, die nicht zusammen in ein System gebracht werden können, festzustellen, so macht sie es sich zur Aufgabe, auf einer mehr oder weniger tiefen Ebene ein Kohäsionsprinzip zu finden, das den Diskurs organisiert und ihm eine verborgene Einheit wiedergibt. Dieses Gesetz der Kohärenz ist eine heuristische Regel, eine Verpflichtung im Vorgehen, fast ein moralischer Zwang der Forschung: nicht unnütz die Widersprüche zu vermehren; sich nicht bei den kleinen Unterschieden aufzuhalten; den Veränderungen, dem Bedauern, den Rückwendungen zur Vergangenheit und den Polemiken nicht allzuviel Gewicht beizumessen; nicht vorauszusetzen, dass der Diskurs der Menschen fortwährend von innen her durch den Widerspruch ihrer Wünsche, durch die Einflüsse, denen sie unterlagen, oder die Bedingungen, unter denen sie leben, unterminiert wird, sondern zuzugestehen, dass, wenn sie sprechen und wenn sie untereinander Zwiegespräche führen, es wohl eher darum geht, diese Widersprüche zu überwinden und den Ausgangspunkt zu finden, von wo aus sie in den Griff zu bekommen sind. Aber diese selbe Kohärenz ist auch das Erlebnis der Forschung: sie definiert die letzten Einheiten, die die Analyse abschließen; sie legt die innere Organisation eines Textes, die Entwicklungsform eines individuellen Werkes oder den Begegnungsort verschiedener Diskurse frei.
Man muss sie sohl annehmen, um sie zu rekonstruieren, und nur, wenn man ihr mit und lange genug nachgegangen ist, wird man sicher sein, sie gefunden zu haben. Sie erscheint als ein Optimum: die größtmögliche Anzahl von mit den einfachsten Mitteln gelösten Widersprüchen.